So, jetzt aber! Verschoben, vergessen, vertagt, verdrängt, von to-do-Liste zu to-do-Liste geschoben, gedanklich durchexerziert, immer wieder angekündigt, Sätze im Kopf formuliert, wieder vergessen (schade eigentlich!) – hier ist er nun endlich, mein Blog, knapp fünf Monate nach meiner Ankunft in diesem Land, das mich mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten – oder eher der einen – ordentlich auf Trab gehalten hat. Ereignisreich waren sie, diese vier, bald fünf, Monate und ein vollständiger Rückblick ist leider nur eins – vollständig aussichtslos und so fange ich einfach mittendrin an, nämlich mit den Weihnachtsferien. Die ich noch nie so herbeigesehnt habe wie in diesem Jahr. Ein Umstand, der nicht die einzige Premiere bleiben sollte, aber dazu später mehr.
Am 10. Dezember ist es endlich soweit. Die letzte Klausur ist geschrieben, das letzte Essay eingereicht und mein Kopf völlig leer, abgesehen vielleicht von der Frage, wie die nächsten zwei Quarter überstanden werden sollen. Doch die wird erst einmal erfolgreich verdrängt – es geht los auf eine weitere Reise. Erst nach Norden, dann nach Süden, Vancouver bis LA. Früh am Morgen des 13. Dezember – für Lasse schon am Vorabend, da er den Zug nimmt, während ich, abgeschreckt von der 17-stündigen Zugfahrt, ins Flugzeug steige – geht es los. Am Zielort angekommen erwartet mich unser treuer Begleiter der nächsten Tage: strömender Regen. In ihm steht ein verloren wirkender Hipster mit Gitarre – Welcome to Portland! Schon auf dem Weg in die Stadt fühle ich mich wie zu Hause. Die kalifornische Sommer-Sonnen-Plastikwelt ist verschwunden, ersetzt durch dichte, grüne Tannen und einen wabernden Nebelschleier. Ein bisschen Berlin, ein bisschen Malmö, ein bisschen Bremen, auf jeden Fall recht europäisch. Oregon sieht genauso aus wie in meiner Vorstellung (und wie auf dem Autonummernschild). Die nächsten Tage werden sehr entspannt – durch den Regen laufen wir von Café zu Café (must eat: Voodoo Doughnuts!) und stolpern dabei über eine typisch portländische Institution: food carts, kleine Essensstände, die sich hauptsächlich auf Parkplätzen ansammeln und günstiges Essen aus aller Welt anbieten. Absolut genial! Genial ist auch ein weiteres Portland-Original, Powell’s Book Store, ein Buchladen, der einen ganzen Straßenblock einnimmt und vermutlich alles verkauft, was je veröffentlicht wurde. Sehr gefährlich, gerade wenn man durch den Regen ständig gezwungen wird, Unterschlupf zu suchen; Powell’s dürfte sich jedenfalls über unsere Anwesenheit gefreut haben.
Weihnachten in Portland
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Powell’s Bookstore
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Food Carts
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Saint John’s Bridge, oder Portland ohne Regen
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Wassefall bei Portland
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Wasserfall
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Awesome Voodoo Doughnut
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Weiter geht es nach Seattle – mein Greys-Anatomy-Herz schlägt höher! In der Stadt schiele ich wider besseren Wissens auf die Namen aller Krankenhäuser, an denen wir vorbeikommen – vielleicht heißt ja doch eins Seattle Grace? Man weiß es nicht! Und warum laufen in der Stadt eigentlich keine McDreamys rum? Hollywood, you suck! Trotzdem ist Seattle ein Erlebnis, angefangen bei unserer Unterkunft (an dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an Lucas!), einer niedlichen verwunschenen Hippie-Villa, die leider einen winzig kleinen Nachteil hat: keine Heizung. Heizlüfter und eine freundliche Mitbewohnerin, die uns fürsorglich mit einem Schlafsack versorgt, in den wir uns tagsüber wickeln können, schaffen hier Abhilfe. Aber was soll’s, wir sind ja eh nicht zum Stubenhocken da und finden dank des Indoor-Bootcamps die dezemberlichen Außentemperaturen relativ angenehm. Nicht nur die Villa ist verwunschen, ganz Seattle strahlt etwas Mystisches aus; das zwischen Sonne und Sturmflut wechselnde Wetter, die verschlungenen, steilen Gassen in Capitol Hill, der Ausblick auf verschneite Berge und Meer – einfach schön. Ein Highlight der Stadt ist für mich der Pike Place Market, auf dem wir uns durch diverse Sorten Pesto, Pepper-Jelly und andere Kuriositäten (schon mal Chocolate Pasta probiert?) futtern.
Nach ein paar Tagen zieht es uns ins Umland. Bei einem Vermieter, der im Laufe der Ferien verschiedene Mitglieder unserer Gruppe in den Wahnsinn treiben und letztlich den liebevollen Spitznamen Dell-amo erhalten sollte (ja, genau, wie in Delle), mieten Lasse und ich ein Auto und machen uns auf den Weg in die Berge. Vorbei geht es an unzähligen Skiresorts und ab in den Schnee. Auch wenn wir dafür alles andere als ausgerüstet sind (Lasse mit überaus schneedurchlässigen Schuhen, ich mit bunt gepunkteten Gummistiefeln) stürzen wir uns auf den Schnee und so stellt sich Mitte Dezember bei mir endlich ein bisschen Winter-Weihnachts-Feeling ein. Das Auto hat für unsere Euphorie leider wenig Verständnis und beschließt bei nächster Gelegenheit im ungefähr 2cm hohen Schnee steckenzubleiben. Unsere zahlreichen Drück-, Schieb- und Gasgebversuche scheitern; erst dank eines freundlichen Familienvaters und seines SUVs (dazu sind die Dinger also gut!) sowie unter Verlust eines Schleppseils, das unser Auto locker zerfetzt, können wir uns befreien. Auf Nachfrage bei Dell-amo, warum denn in einem Schneegebiet Autos mit Sommerreifen vermietet werden, erhalten wir die fachkundige Antwort:“ All-season tires! Good all year! No tire change like in Europe!“ Yeah, right.
Auch der Abend steht ganz im Zeichen von Eis und Schnee: in der Nähe von Seattle schauen wir uns ein Eishockey-Spiel an. Seattle Thunderbirds v. Portland Winterhawks. Eher unvertraut mit den Regeln des Spiels kann ich es nur wie folgt zusammenfassen: Wartime, baby! Zugegeben, der Puk ist klein. Das haben wohl auch die nach eigenen Angaben in ihrer Freizeit Justin Bieber hörenden Spieler bemerkt, denn anstatt sich darauf zu konzentrieren, der kleinen schwarzen Scheibe nachzujagen, belassen es die meisten dabei, ihre Gegner (oder, wenn sie vergessen, wer in welchem Team spielt, auch die eigenen Mitstreiter) mit ihrem Schläger zu traktieren. Kommt versehentlich doch mal der Puk dazwischen droht noch keine Gefahr – Hulk steht im Tor (und ist in seiner Schutzkleidung ungefähr drei Mal so breit wie selbiges) und schreckt sämtliche Angreifer durch Geschrei (oder waren es Justin-Bieber-Songs?) und Schlägerschwingen ab. Auch die Fans greifen die Kriegsstimmung auf und halten nicht viel davon, das eigene Team anzufeuern. Wozu auch, wenn man genauso gut die Gegner mit einem Homer Simpsonesquen „Portland sucks!“ niederbrüllen kann? Ein herrliches Spektakel, wir lachen Tränen.
Campus der U of Washington
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Hogwarts-äh, Unibib
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Waterfront
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More Seattle
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Nordpol-Feeling
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A little bit of home
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 Puget Sound |
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 Das obligatorische Space-Needle-Panorama
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 Space Needle |
Seattles Umland
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Winterparadies
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Endlich Schnee
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Hulk saving the day
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Harmlose Eishockey-Keilerei
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Am nächsten Morgen machen wir uns zu dritt früh auf den Weg nach Vancouver. Voller Erwartungen an diese als europäisch geltende Stadt betreten wir dieses im Vergleich zu den USA geradezu sozialistisch anmutende Land. Nach problemloser Grenzkontrolle reisen wir zufrieden und mit hübschem lila Stempel im Pass ein. Und sehen zunächst nur, was wir sehen wollen. Krankenhäuser? Wow, funktioniert hier etwa das Versicherungssystem? Moderne Häuser? Gibt es hier etwa Geld, am Ende sogar noch Öffentliches? Ampeln? Warum anhalten, wir werden nicht überfahren, wir sind hier in Kanada! Oh, Canada, die Euphorie zu deinen Ehren hält nicht lange an. Schon bald holen uns die Aufbruchsspuren an unserem Auto und eine Fahrt durch die Hastings Street zurück in die harte Realität. Von den rund 600.000 Einwohnern der Stadt sind knapp 3000 obdachlos und der Großteil dieser Leute scheint sich in eben jener Hastings Street zu versammeln. Niemand von uns kann sich daran erinnern, jemals eine derartige Ansammlung von Obdachlosen gesehen zu haben. Beim Vorbeifahren fühlen wir uns ein bisschen wie die letzten Überlebenden aus Shawn of the Dead: Dunkle Gestalten schwanken mit ausgestreckten Armen durch finstere Gassen, gigantische Obdachlosenmassen versammeln sich vor den Häusern und klauen sich gegenseitig Lebensmittel aus Einkaufswagen und wir versuchen, möglichst unbemerkt zurück zum Hostel zu gelangen. Definitiv ein Erlebnis der besonderen Art!
Auch sonst hat Vancouver seinen Reiz, allerdings kommt es mir nicht übermäßig europäisch vor. Besonders ist dafür die Nähe zum…Nichts, zur absoluten Wildnis. Umrundet von Bergen, in denen abends die Lichter der Skilift magisch leuchten, ist Vancouver die letzte große Stadt vor der Wildnis und ich habe das Gefühl, diese Abgeschiedenheit richtig zu spüren. Dieses Gefühl verstärkt sich, als wir für einen Tag nach Whistler fahren, einen Skiort, in dem 2010 ein Teil der Winterspiele ausgetragen wurde, und den wir nach einer langen Fahrt durch besagtes Nichts erreichen. Eigentliches Ziel war der Garibaldi Provincial Park. Was auf Fotos traumhaft aussah, entpuppte sich im Winter wegen des vielen Schnees allerdings als völlig unzugänglich; aus dem Fenster erhaschen wir einen Blick auf einen See, der zu diesem Park gehören könnte, und fahren dann weiter nach Whistler. Passenderweise lese ich gerade Krakauers „Into the Wild“ und fühle mich durchaus ein bisschen nach Alaska gezogen. Maybe one day…
Die restliche Zeit in Vancouver verbringen wir in der Stadt – Aussichtsturm, Gastown, University of British Columbia, katastrophales „Thai-Food“ – und schon geht es zurück nach Seattle. Dort setzt sich unsere JFK-Reunion fort, Steffen ist inzwischen aus LA eingetroffen. Plötzlich ist Weihnachten, argh, wie einigen sich ein Veganer, eine Vegetarierin und zwei omnivoren auf ein Weihnachtsessen? Es geht! Wie heizt man ein Haus ohne Heizung auf Temperaturen, in denen man angenehm zusammensitzen kann? Es geht! Wir verbringen einen gemütlichen Heiligabend, stellen fest, dass Risiko eher ein Männerspiel ist (obwohl ein kleiner Teil von mir es wieder spielen will!), stellen zum wiederholten Male fest, dass „Hey Marlous“ ein ganz ganz furchtbares Lied ist, fallen ins Bett und stehen nach viel zu kurzer Zeit wieder auf, um zum Flughafen, beziehungsweise in Lucas Fall zur Familie dreier Mitbewohner, zu fahren. Der Nordteil der Reise ist beendet, weiter geht es in den Süden!
 Vancouver
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 Skyline
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 By night
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 Hastings Street lässt grüßen |
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 Strand der University of BC |