Down South (Teil 1 – geschrieben im März)

Während Kalifornien seit gut einer Woche gründlich mit allen Klischees aufräumt und uns mit nicht endendem, sintflutartigem Regen beglückt, versuche ich, mich an den zweiten Teil unserer Weihnachtsreise zu erinnern und sie endlich, bevor morgen schon die nächste Reise ansteht, zu elektronischem Papier zu bringen.

 Ein paar Warnungen vorweg: Dieser Eintrag wird sehr textlastig. Bildmaterial ist nämlich kaum vorhanden, da wir alle nacheinander gekonnt unsere Kameras außer Gefecht gesetzt haben, aber dazu später mehr. Außerdem liegt die Reise inzwischen gute zwei Monate zurück, es wird also eher eine schnelle Zusammenfassung als ein ausführlicher Bericht. Wenn sich diese Zusammenfassung dann ein bisschen pessimistisch liest, liegt das nicht an der Reise, sondern dem Lagerkoller, der sich nach einer Woche Hausarrest dank Regens so langsam anbahnt.

 Lange Rede, kurzer Sinn, am 25.12 kommen Lasse, Steffen und ich in San Francisco an. Wir sind ja schlau und fliegen dann, wenn andere Leute Weihnachten feiern, um Geld zu sparen. Bereits auf dem Weg zum Flughafen bemerken wir den ersten Kameraverlust: Lasses Kamera liegt noch in Lucas Wohnzimmer. Da warens nur noch zwei. Egal, angekommen in San Francisco ist die erste Station, na? Richtig, Dellamo. Zu schade, dass die einfach den günstigsten Tarif für U-25-Fahrer anbieten. Bei strömendem Regen geht es los in Richtung Süden, vorbei an der traumhaft verregneten Halfmoon Bay, die bei schönem Wetter garantiert eine Attraktion ist. Für genauere Beobachtungen zur Strecke San Francisco-Monterey sind Steffen und Lasse zu befragen, mir wird das Wetter zu blöd, ich rolle mich auf dem Rücksitz zusammen und schlafe ein.

 Angekommen in Monterey dann die Überraschung. Ein merkwürdiges gelbes Ding erscheint am Himmel. Ach ja, die Sonne, die gibt’s also auch noch. Nach einem kurzen Abstecher zum Strand machen wir uns auf die Suche nach einem gemütlichen Restaurant für den Abend. Ist ja schließlich Weihnachten. Die Wahl fällt schließlich auf ein kleines chinesisches Restaurant am Straßenrand. Während wir auf Gemütlichkeit aus sind, scheint der Kellner eher den Eindruck zu haben beim Speed Dating zu sein. Mit hochrotem Gesicht sprintet er wie angestochen von Tisch zu Tisch, schleudert im Flug das Essen auf den Tisch (mit Glück bekommt man sogar was man bestellt hat) und ist ansonsten nicht ansprechbar, es ist wirklich schwer, Essen und Getränke nachzubestellen. Und das alles obwohl das Restaurant nur halb voll ist.

 Nach einem Abend auf der Strandpromenade wird das gemütliche Essen dann am nächsten Morgen nachgeholt. Selten ein so gutes Motelfrühstück erlebt! Nach dem Frühstück gönne ich mir das Monterey-Aquarium. Da immer noch Weihnachten ist, ist es relativ voll, aber auf jeden Fall einen Besuch wert. Eine der Hauptattraktionen ist das Pinguingehege, dementsprechend voll ist es auch und man kann kaum etwas sehen. Ein paar Minuten später lösen prüde amerikanische Mütter dieses Problem: Als zwei Pinguine beginnen, ihren natürlichen Trieben nachzugehen, löst sich die Traube vor dem Gehege innerhalb von Sekunden auf, Mütter ziehen hektisch ihre Kinder weg, um die kleinen, unschuldigen Engel vor diesem Spektakel zu bewahren.

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Down South (Teil 2)

SCHNITT. 2 Monate später. Es ist der 11. Mai und mal wieder habe ich beim Blogschreiben geschlampt. Immerhin ist in Davis inzwischen der Sommer ausgebrochen, sodass sich der Rest des Artikels hoffentlich positiver liest!

 Weiter geht es die Küste entlang nach Süden. Nächste Station: Carmel. Bei plötzlich strahlendem Sonnenschein gehen wir an den Strand und wagen uns sogar ans Meer, am 2. Weihnachtstag definitiv eine Premiere! Natürlich unterschätzen wir die Wellen und zack – nass. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem die zweite Kamera (meine) den Geist aufgibt. Ein schreckliches déjà-vu deutet sich an, habe ich doch erst wenige Wochen vor der Reise eine neue Kamera gekauft, da die alte von einer Pazifikwelle angegriffen wurde…inzwischen ist sie zum Glück wohlbehalten aus der Reparatur zuürckgekehrt.

Anyway, back to the 1 und weiter nach Süden. Die Landschaft ist traumhaft, das Wetter ist perfekt, endlich ist es so, wie man sich Kalifornien vorstellt! Da nun auch Steffens Kamera dank Akkumangels den Geist aufgibt, sind hier eure Phantasie und Vorstellungskraft gefragt, kann ja auch nicht schaden. Wir fahren und fahren, halten ab und zu an, genießen den Ausblick, und werden abends von Rico in Santa Barbara aufgenommen, merci! Nun sind wir offiziell in Surfer County angekommen. An den Südstränden beginnend mit Santa Barbara wimmelt es im Wasser nur so von Surfern, die Städte sind palmengesäumt…hello SoCal! Santa Barbara selbst ist niedlich, leider haben wir aber nicht viel Zeit und machen uns nach einem kurzen Spaziergang auf den Weg nach LA.

Über LA hat man ja schon Einiges gehört…Hollywood, Moloch, Sumpf…und ja, tatsächlich liegen wahnsinniger Reichtum (oder einfach Wahnsinn?) und Moloch oft dicht beieinander. Insgesamt finde ich die Stadt ziemlich überfordernd und wir halten fest, dass LA das Epizentrum sein wird, wenn die Welt untergeht…es ist einfach zu verrückt hier. Der Reichtum in Beverly Hills ist nicht zu beschreiben, die Armut in anderen Vierteln ebenfalls nicht und von Fortbewegungsmöglichkeiten sollte man besser gar nicht erst reden. Ohne Auto kommt man nicht voran. Mit Auto kommt man aber auch nicht voran. Während wir mal wieder im Stau stecken, um eine Distanz von 5km zu überwinden, denke ich an einen Artikel von Jack Katz, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. „Pissed Off in LA“ ist der Titel, es geht um das aggressive Verhalten vieler Autofahrer, die sich so stark mit ihrem Auto identifizieren, dass sie sich im Straßenverkehr ständig selbst angegriffen fühlen (um die freakigeren Teile der Analyse mal auszulassen) und durch Schreien, Fluchen und Gestikulieren ihr Revier verteidigen. Da sagt noch mal einer mein Studium sei nicht praxisnah.

 Natürlich steht in LA auch Hollywood auf dem Programm. In meiner Vorstellung ist Hollywood ein romantisches Bergsträßchen mit niedlichen kulissenartigen Häuschen direkt vor den bekannten Hollywood-Buchstaben. Well, not quite. Als wir das erste Mal an Hollywood vorbeifahren, übersehe ich es fast, ist es doch nur ein Stück Hauptstraße mit großen Gebäuden und vermutlich dem Walk of Fame, so genau kann ich das nicht beurteilen, es stehen ständig Leute auf den Sternen. Naja, auf eine geplatzte Illusion mehr oder weniger kommt es in Hollywood auch nicht an.

 Das Getty Center, das wir am nächsten Tag besuchen, ist da schon spektakulärer. Nach einer guten Stunde Autofahrt und dem zähneknirschenden Abdrücken der 15$ Parkgebühr (diese Information erhält man erst, wenn es schon zu spät zum Umdrehen ist) kommen wir an und fahren mit einer Bahn den Berg hoch, auf dem das Center steht. Die diversen Kunstausstellungen sind interessant, das beste ist aber definitiv der Ausblick vom Berg auf die Stadt. Zum Glück hat sich auch unsere Kamerasituation verbessert; am Vortag habe ich in einem Fotoladen zwei altertümliche, natürlich analoge, Wegwerfkameras erworben. Während alle anderen Leute souverän und professionell mit ihren Digitalkameras durch die Gegend knipsen, drehen Lasse und ich nach jedem Foto genervt am Rad der Kamera, um den Film weiterzudrehen und versuchen uns dann gegenseitig die Ehre zu überlassen, sich die quietschgelbe, doch irgendwie peinliche, Kamera vors Gesicht zu halten, durch den Sucher zu schielen und ein weiteres Kunstwerk zu erstellen. Immerhin, besser als nichts.

 In den verbleibenden Tagen in LA fahren wir nach Santa Monica und die Küste weiter nach Süden Richtung Orange County. Surfer, Surfer, Surfer, traumhafte Strände, leider manchmal getrübt von kleinen Ölförderpumpen, die auf Privatgrundstücken stehen (ob sich das lohnt?), aber auf jeden Fall schön. Am 31.12 sind wir in einem Strandnationalpark und denken um 15.00 Uhr unserer Zeit an Freunde und Familie in Deutschland, die vermutlich nicht im T-Shirt in der Sonne am Strand sitzen, sondern frierend im Wintermantel an der Straße stehen. Diese Information darf natürlich auch in den Neujahrs-SMS nicht fehlen, diejenigen, die eine bekommen haben, wissen sicher was gemeint ist! 😉

 Mit dem letzten Tag des Jahres endet schließlich auch unser Urlaub. Am nächsten Morgen verpassen Lasse und ich dank des Witz von public transportation in LA fast unseren Bus nach Davis (10 Meilen sind ja auch in 3 Stunden kaum schaffbar…) und es bedarf einiger Überzeugungsarbeit, um die charmante Busfahrerin dazu zu bringen, die Türen wieder aufzumachen. Dennoch erreichen wir am Ende des Tages Davis und genießen die letzten unifreien Tage.

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Wanted: Smart and Obedient House Slave

Craigslist – wohl jede Person, die für eine Weile in den USA gewohnt hat, wird auf die eine oder andere Weise mit Craig Newmark und seiner berühmt-berüchtigten Liste Bekanntschaft gemacht haben. Für viele (mich eingeschlossen) dürfte sich aus dieser Bekanntschaft eine Hassliebe entwickelt haben – so praktisch, und doch so nervenaufreibend, zeitintensiv und mitunter frustrierend, wenn man das 15. Fahrrad, dem man hinterher telefoniert, immer noch nicht bekommt…zum Glück gibt es einen Lichtblick: die Benutzer von Craigslist. Nicht allzu selten stolpert man über Artikel, die einen zum Lachen, Schmunzeln, Augenrollen, Kopfschütteln oder Schreien bringen. Vor kurzem bin ich über diesen Diamanten zum Thema Mitbewohnersuche gestolpert:

First, here is what you get:
1) A free bedroom (the second largest room in the apartment – no rent, no utilities) and a free private bathroom in that complex (which means I pay 100% of the rent and utilities).
2) Priceless experience working for an investor (me) from home.
3) Tuition reimbursement for 1 community college class per semester, as long as it’s related to your work for me. Only if you are interested in taking such a class.
4) As much vacation as you want !!!! (Catch: vacation means, you take vacation from BOTH your work for me and the apartment – you can leave your stuff in your room while you are away). This is ideal for a student who wants to only be in Davis while classes are in session, or contemplates becoming an exchange student abroad for one or more semesters.

Here is what you need to get that:
1) A high IQ of at least 120. If you ever had your IQ measured and have evidence of it, I will take that. If not, I will administer you a computer test.
2) Available 3 hours a day, 5 days a week for office and household work. Ideally week-days, but that’s not a hard requirement. You will work that schedule for every week you live in the apartment. No work when you are out of town (summer, winter breaks, internships, etc.). The preferred schedule is 9 to 12 in the morning, but we can modify that to fit your class schedule.
3) Willing to do office work and household work (including cleaning the apartment, cooking, doing my laundry and some errands).
4) Either planning to go to college or willing to take one class per semester at a community college.
5) Able and willing to pay a security deposit of $400.

Here is what you need to do:
1) Email me your resume, your phone number, and tell me the best time to call you for a phone interview.
Put „I want to work for a free room in Davis“ in the subject line, so I know you are not a spam bot.
2) Email me your high school and/or college transcript of grades.
3) Let me know whether or not you ever had your IQ measured.
4) If you haven’t had your IQ already measured (or no longer have evidence for the result), let me know when you are available to come for a 30 minutes IQ test.
5) Have an in person interview.

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Up North – Christmas on the Road

So, jetzt aber! Verschoben, vergessen, vertagt, verdrängt, von to-do-Liste zu to-do-Liste geschoben, gedanklich durchexerziert, immer wieder angekündigt, Sätze im Kopf formuliert, wieder vergessen (schade eigentlich!) – hier ist er nun endlich, mein Blog, knapp fünf Monate nach meiner Ankunft in diesem Land, das mich mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten – oder eher der einen – ordentlich auf Trab gehalten hat. Ereignisreich waren sie, diese vier, bald fünf, Monate und ein vollständiger Rückblick ist leider nur eins – vollständig aussichtslos und so fange ich einfach mittendrin an, nämlich mit den Weihnachtsferien. Die ich noch nie so herbeigesehnt habe wie in diesem Jahr. Ein Umstand, der nicht die einzige Premiere bleiben sollte, aber dazu später mehr.

Am 10. Dezember ist es endlich soweit. Die letzte Klausur ist geschrieben, das letzte Essay eingereicht und mein Kopf völlig leer, abgesehen vielleicht von der Frage, wie die nächsten zwei Quarter überstanden werden sollen. Doch die wird erst einmal erfolgreich verdrängt – es geht los auf eine weitere Reise. Erst nach Norden, dann nach Süden, Vancouver bis LA. Früh am Morgen des 13. Dezember – für Lasse schon am Vorabend, da er den Zug nimmt, während ich, abgeschreckt von der 17-stündigen Zugfahrt, ins Flugzeug steige – geht es los. Am Zielort angekommen erwartet mich unser treuer Begleiter der nächsten Tage: strömender Regen. In ihm steht ein verloren wirkender Hipster mit Gitarre – Welcome to Portland! Schon auf dem Weg in die Stadt fühle ich mich wie zu Hause. Die kalifornische Sommer-Sonnen-Plastikwelt ist verschwunden, ersetzt durch dichte, grüne Tannen und einen wabernden Nebelschleier. Ein bisschen Berlin, ein bisschen Malmö, ein bisschen Bremen, auf jeden Fall recht europäisch. Oregon sieht genauso aus wie in meiner Vorstellung (und wie auf dem Autonummernschild). Die nächsten Tage werden sehr entspannt – durch den Regen laufen wir von Café zu Café (must eat: Voodoo Doughnuts!) und stolpern dabei über eine typisch portländische Institution: food carts, kleine Essensstände, die sich hauptsächlich auf Parkplätzen ansammeln und günstiges Essen aus aller Welt anbieten. Absolut genial! Genial ist auch ein weiteres Portland-Original, Powell’s Book Store, ein Buchladen, der einen ganzen Straßenblock einnimmt und vermutlich alles verkauft, was je veröffentlicht wurde. Sehr gefährlich, gerade wenn man durch den Regen ständig gezwungen wird, Unterschlupf zu suchen; Powell’s dürfte sich jedenfalls über unsere Anwesenheit gefreut haben.

Weihnachten in Portland

Powell’s Bookstore

Food Carts

Portland ohne Regen!

Saint John’s Bridge, oder Portland ohne Regen

Wassefall bei Portland

Wasserfall

Awesome Voodoo Doughnut

Weiter geht es nach Seattle – mein Greys-Anatomy-Herz schlägt höher! In der Stadt schiele ich wider besseren Wissens auf die Namen aller Krankenhäuser, an denen wir vorbeikommen – vielleicht heißt ja doch eins Seattle Grace? Man weiß es nicht! Und warum laufen in der Stadt eigentlich keine McDreamys rum? Hollywood, you suck! Trotzdem ist Seattle ein Erlebnis, angefangen bei unserer Unterkunft (an dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an Lucas!), einer niedlichen verwunschenen Hippie-Villa, die leider einen winzig kleinen Nachteil hat: keine Heizung. Heizlüfter und eine freundliche Mitbewohnerin, die uns fürsorglich mit einem Schlafsack versorgt, in den wir uns tagsüber wickeln können, schaffen hier Abhilfe. Aber was soll’s, wir sind ja eh nicht zum Stubenhocken da und finden dank des Indoor-Bootcamps die dezemberlichen Außentemperaturen relativ angenehm. Nicht nur die Villa ist verwunschen, ganz Seattle strahlt etwas Mystisches aus; das zwischen Sonne und Sturmflut wechselnde Wetter, die verschlungenen, steilen Gassen in Capitol Hill, der Ausblick auf verschneite Berge und Meer – einfach schön. Ein Highlight der Stadt ist für mich der Pike Place Market, auf dem wir uns durch diverse Sorten Pesto, Pepper-Jelly und andere Kuriositäten (schon mal Chocolate Pasta probiert?) futtern.

Nach ein paar Tagen zieht es uns ins Umland. Bei einem Vermieter, der im Laufe der Ferien verschiedene Mitglieder unserer Gruppe in den Wahnsinn treiben und letztlich den liebevollen Spitznamen Dell-amo erhalten sollte (ja, genau, wie in Delle), mieten Lasse und ich ein Auto und machen uns auf den Weg in die Berge. Vorbei geht es an unzähligen Skiresorts und ab in den Schnee. Auch wenn wir dafür alles andere als ausgerüstet sind (Lasse mit überaus schneedurchlässigen Schuhen, ich mit bunt gepunkteten Gummistiefeln) stürzen wir uns auf den Schnee und so stellt sich Mitte Dezember bei mir endlich ein bisschen Winter-Weihnachts-Feeling ein. Das Auto hat für unsere Euphorie leider wenig Verständnis und beschließt bei nächster Gelegenheit im ungefähr 2cm hohen Schnee steckenzubleiben. Unsere zahlreichen Drück-, Schieb- und Gasgebversuche scheitern; erst dank eines freundlichen Familienvaters und seines SUVs (dazu sind die Dinger also gut!) sowie unter Verlust eines Schleppseils, das unser Auto locker zerfetzt, können wir uns befreien. Auf Nachfrage bei Dell-amo, warum denn in einem Schneegebiet Autos mit Sommerreifen vermietet werden, erhalten wir die fachkundige Antwort:“ All-season tires! Good all year! No tire change like in Europe!“ Yeah, right.

Auch der Abend steht ganz im Zeichen von Eis und Schnee: in der Nähe von Seattle schauen wir uns ein Eishockey-Spiel an. Seattle Thunderbirds v. Portland Winterhawks. Eher unvertraut mit den Regeln des Spiels kann ich es nur wie folgt zusammenfassen: Wartime, baby! Zugegeben, der Puk ist klein. Das haben wohl auch die nach eigenen Angaben in ihrer Freizeit Justin Bieber hörenden Spieler bemerkt, denn anstatt sich darauf zu konzentrieren, der kleinen schwarzen Scheibe nachzujagen, belassen es die meisten dabei, ihre Gegner (oder, wenn sie vergessen, wer in welchem Team spielt, auch die eigenen Mitstreiter) mit ihrem Schläger zu traktieren. Kommt versehentlich doch mal der Puk dazwischen droht noch keine Gefahr – Hulk steht im Tor (und ist in seiner Schutzkleidung ungefähr drei Mal so breit wie selbiges) und schreckt sämtliche Angreifer durch Geschrei (oder waren es Justin-Bieber-Songs?) und Schlägerschwingen ab. Auch die Fans greifen die Kriegsstimmung auf und halten nicht viel davon, das eigene Team anzufeuern. Wozu auch, wenn man genauso gut die Gegner mit einem Homer Simpsonesquen „Portland sucks!“ niederbrüllen kann? Ein herrliches Spektakel, wir lachen Tränen.

Campus der U of Washington

Hogwarts-äh, Unibib

Waterfront

More Seattle

Nordpol-Feeling

A little bit of home

Puget Sound

Strand

Das obligatorische Space-Needle-Panorama


Space Needle

Seattles Umland

Winterparadies

Endlich Schnee

Hulk saving the day

Harmlose Eishockey-Keilerei

Am nächsten Morgen machen wir uns zu dritt früh auf den Weg nach Vancouver. Voller Erwartungen an diese als europäisch geltende Stadt betreten wir dieses im Vergleich zu den USA geradezu sozialistisch anmutende Land. Nach problemloser Grenzkontrolle reisen wir zufrieden und mit hübschem lila Stempel im Pass ein. Und sehen zunächst nur, was wir sehen wollen. Krankenhäuser? Wow, funktioniert hier etwa das Versicherungssystem? Moderne Häuser? Gibt es hier etwa Geld, am Ende sogar noch Öffentliches? Ampeln? Warum anhalten, wir werden nicht überfahren, wir sind hier in Kanada! Oh, Canada, die Euphorie zu deinen Ehren hält nicht lange an. Schon bald holen uns die Aufbruchsspuren an unserem Auto und eine Fahrt durch die Hastings Street zurück in die harte Realität. Von den rund 600.000 Einwohnern der Stadt sind knapp 3000 obdachlos und der Großteil dieser Leute scheint sich in eben jener Hastings Street zu versammeln. Niemand von uns kann sich daran erinnern, jemals eine derartige Ansammlung von Obdachlosen gesehen zu haben. Beim Vorbeifahren fühlen wir uns ein bisschen wie die letzten Überlebenden aus Shawn of the Dead: Dunkle Gestalten schwanken mit ausgestreckten Armen durch finstere Gassen, gigantische Obdachlosenmassen versammeln sich vor den Häusern und klauen sich gegenseitig Lebensmittel aus Einkaufswagen und wir versuchen, möglichst unbemerkt zurück zum Hostel zu gelangen. Definitiv ein Erlebnis der besonderen Art!

Auch sonst hat Vancouver seinen Reiz, allerdings kommt es mir nicht übermäßig europäisch vor. Besonders ist dafür die Nähe zum…Nichts, zur absoluten Wildnis. Umrundet von Bergen, in denen abends die Lichter der Skilift magisch leuchten, ist Vancouver die letzte große Stadt vor der Wildnis und ich habe das Gefühl, diese Abgeschiedenheit richtig zu spüren. Dieses Gefühl verstärkt sich, als wir für einen Tag nach Whistler fahren, einen Skiort, in dem 2010 ein Teil der Winterspiele ausgetragen wurde, und den wir nach einer langen Fahrt durch besagtes Nichts erreichen. Eigentliches Ziel war der Garibaldi Provincial Park. Was auf Fotos traumhaft aussah, entpuppte sich im Winter wegen des vielen Schnees allerdings als völlig unzugänglich; aus dem Fenster erhaschen wir einen Blick auf einen See, der zu diesem Park gehören könnte, und fahren dann weiter nach Whistler. Passenderweise lese ich gerade Krakauers „Into the Wild“ und fühle mich durchaus ein bisschen nach Alaska gezogen. Maybe one day…

Die restliche Zeit in Vancouver verbringen wir in der Stadt – Aussichtsturm, Gastown, University of British Columbia, katastrophales „Thai-Food“ – und schon geht es zurück nach Seattle. Dort setzt sich unsere JFK-Reunion fort, Steffen ist inzwischen aus LA eingetroffen. Plötzlich ist Weihnachten, argh, wie einigen sich ein Veganer, eine Vegetarierin und zwei omnivoren auf ein Weihnachtsessen? Es geht! Wie heizt man ein Haus ohne Heizung auf Temperaturen, in denen man angenehm zusammensitzen kann? Es geht! Wir verbringen einen gemütlichen Heiligabend, stellen fest, dass Risiko eher ein Männerspiel ist (obwohl ein kleiner Teil von mir es wieder spielen will!), stellen zum wiederholten Male fest, dass „Hey Marlous“ ein ganz ganz furchtbares Lied ist, fallen ins Bett und stehen nach viel zu kurzer Zeit wieder auf, um zum Flughafen, beziehungsweise in Lucas Fall zur Familie dreier Mitbewohner, zu fahren. Der Nordteil der Reise ist beendet, weiter geht es in den Süden!

Vancouver


Skyline


By night


Hastings Street lässt grüßen

I guess this looks gorgeous in the summer

Strand der University of BC

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